Ursprung der Pandemie – Laborthese rehabilitiert

Die Überlegungen zum Ursprung der Pandemie gehen in die nächste, vielleicht sogar letzte Runde. Zum Glück stehen nicht noch mehr Alternativen zur Auswahl. Als Überträger fungiert die Fledermaus. Ob das Virus dann auf direktem Weg (A) oder einen Zwischenwirt (B) zum Menschen gelangt ist – man spricht dabei von einer Zoonose – oder ob es im Labor in Wuhan im Zusammenhang mit ‚Gain of Function‘-Experimenten genetisch verändert und dabei versehentlich freigesetzt wurde (C). Alles theoretisch möglich und praktisch denkbar. Die Laborthese ist rehabilitiert. Nun ermitteln im offiziellen Auftrag des US-Präsidenten die Geheimdienste – in drei Monaten liegt das Ergebnis vor.

Fledermaus oder Labor?

Die drei zur Auswahl stehenden Alternativen

Im DerStandard vom 12. Mai 2021 sind sehr schön diese Alternativen A, B, und C in einem Schaubild dargestellt. Es wurde von der Innsbrucker Mikrobiologin Rossana Segreto mitentwickelt, über die wir am 25. Februar 2021 hier berichtet hatten. Es hält die Protagonisten fest, die uns schon am 19. Februar verdächtig vorkamen (siehe hier).

Von regelrechten Eiertänzen zum Durchbruch in der Laborunfallthese

Um die Alternative C, kurz Laborthese, wurden regelrechte Eiertänze aufgeführt. Zunächst als Verschwörungstheorie gebrandmarkt – wohl auch, weil Donald Trump sie früh ins Reich der Mitte plazierte -, dann als sehr, sehr unwahrscheinlich bewertet. Erst als Anfang 2021 eine gemischte WHO-Delegation aus Wuhan nach vier Wochen so gut wie mit leeren Händen zurückkehrte und dennoch C ausschloss, wendete sich das Blatt. Nachdem sich selbst WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus für eine weitere Untersuchung der Laborunfall-Hypothese aussprach, mehrten sich nach und nach die Stimmen. Beschämend nur wie in Deutschland – auch die von mir geschätzte FAZ verfuhr so – damit umgegangen wurde. Vor allem Prof. Dr. Roland Wiesendanger von der Universität Hamburg bekam es zu spüren. Die Blockade des Themas hat zwischenzeitlich nachgelassen, wie nachfolgend beschrieben.

In einem von 18 Wissenschaftlern im Fachmagazin „Science“ am 14. Mai 2021 veröffentlichten Brief werden weitere Bemühungen bei der Suche nach dem Ursprung von Covid-19 gefordert, ohne sich für eine der Thesen auszusprechen. Die Labor(unfall)these sei, wie die Theorie eines tierischen Ursprungs, weiterhin tragfähig. Der Jenaer Genetikprofessor Günter Theißen ist optimistisch, dass dieses auch von zwei Schweizer Forschern mitgetragene Schreiben den Durchbruch bedeutet, wie er ntv am 21.5.2021 erzählte.

„Dass eine derartige Gensequenz auf natürlichem Wege entsteht, sei zwar nicht ausgeschlossen. Allerdings sei es auch nicht sehr wahrscheinlich. Einfach sei es jedoch, eine derartige genetische Veränderung im Labor zu erzeugen, sagt der Forscher. Dass sogenannte ‚Gain of function‘-Experimente, bei denen genau solche Gensequenzen eingebaut wurden, im Institut für Virologie in Wuhan stattgefunden haben, sei bekannt.“ So Prof. Theißen, der auch davon überzeugt ist, das die Wahrheit ans Licht kommt. Denn vermutlich gebe es Menschen, die bereits wissen, wie das Virus in die Welt gelangte und die über kurz oder lang ihr Schweigen brechen würden.

Mut zur Aufklärung statt uneingestandene Ängste und Rücksichtsnahmen

Dass Wissenschaftler auch (nur) Menschen sind, ist trivial. Dass die chinesische Führung Meinungen in ihrem Sinne zu beeinflussen versucht, ebenfalls. Auch dass Medienschaffende in der Regel nicht freischwebend agieren können.

Die beiden Wissenschaftler aus der Schweiz, die den o.g. Brief mit unterschrieben haben, begründen dies in der NZZ vom 3. Juni 2021 (hinter Schranke) wie folgt: „Wie im Brief beschrieben, hoffen wir, dass die Diskussion weniger politisiert wird und eine tiefer gehende objektive Untersuchung der Ursprünge begonnen werden kann. Beide Punkte sind möglicherweise zurzeit nicht sehr realistisch, aber es wäre auch nicht richtig, zu behaupten, der Ursprung von Sars-CoV-2 wäre abschliessend geklärt.“ Und: „Wie gesagt: der Hauptgrund war, das Narrativ zu korrigieren, dass alle Experten darin übereinstimmten, dass ein Labor-Szenario ausgeschlossen ist. Ein zweiter Grund ist: Um zukünftige Pandemien zu verhindern, ist es sehr wichtig, herauszufinden, woher Sars-CoV-2 kommt, wie es auf den Menschen übersprang und wie es sich an ihn adaptierte.“ Also die Diskussion entpolitisieren, Laborunfallthese mituntersuchen, der Sache im offenen Diskurs auf den Grund gehen.

Interessante amerikanische Beteiligung

Interessant ist, dass bis zum Ausbruch der Pandemie das Wuhaner Institut über Jahre von der amerikanischen Regierung finanziert wurde. Inzwischen weiß man auch, dass ein Teil der ‚Gain of Function‘-Forschung in Laboren der Sicherheitsstufe 2 stattfand, also außerhalb des Hochsicherheitslabors von Wuhan. Dem Epidemiologen Ian Lipkin – von der Columbia-Universität in New York und selbst letztes Jahr von einer Covid-19-Erkrankung genesen – zufolge ein No-Go. „Niemand solle Fledermausviren in dieser niedrigeren Sicherheitsstufe untersuchen.“ So in der FAZ vom 27.5.2021 (hinter Schranke) zu lesen. Präsident Joe Biden übrigens handelt weise, indem er die Geheimdienste – siehe den zweiten Beitrag der FAZ vom gleichen Tag – darauf ansetzt, denn damit zerstreut er automatisch Bedenken, dass auch der US-Administration nicht an der Wahrheitsuche gelegen sein könnte.

Im ureigenen chinesischen Interesse

„Licht ins Dunkel zu bringen, müsste auch im Interesse Chinas sein. Denn wie an der Börse sind auch in der internationalen Forschungszusammenarbeit Unsicherheit und der Verdacht auf Vertuschung eines Skandals pures Gift. Ein nachgewiesenes Fehlverhalten in einem Labor würde längerfristig wahrscheinlich weniger Schaden verursachen – auch was das Vertrauen der Menschen in die biomedizinische Forschung betrifft. Und nicht zu vergessen: Findet eine rigorose Untersuchung keine belastbaren Beweise, wäre die Laborthese vom Tisch und der natürliche Ursprung der Corona-Pandemie breit akzeptiert.“ Schlußfolgert die NZZ vom 3.6.2021 (hinter Schranke).

Alles kommt irgendwann raus

Prof. André Thess, uns gut bekannt – siehe hier, hier und hier -, hat sich jüngst exponiert. Zehn Jahre nach dem Tsunami und der dadurch ausgelösten Kernschmelze im Kernkraftwerk in Fukushima/Japan, hat er sich die Arbeit des von Bundeskanzlerin Merkel damals eingesetzten 17-köpfigen Ethikrats genauer angesehen. Auf der Achse des Guten berichtet Manfred Haferburg über ein Schreiben von Prof. Thess mit Datum vom 30.5.2021 an Prof. Matthias Kleiner, damals (Co-)Vorsitzender des Ethikrats, und sieben weitere hochkarätige Professorinnen und Professoren, die allesamt dem Rat angehörten.

Tags darauf wurde das anläßlich des 10. Jahrestags der Pressekonferenz zur Vorstellung des Abschlussberichts des Ethikrates – der am 30. Juni 2011 zum Beschluss des Deutschen Bundestags über den Atomausstieg führte – verfasste Schreiben, von der ‚Welt‘ aufgegriffen. Thess hat übrigens sein Schreiben bewußt an Matthias Kleiner adressiert, als der Stimme der Wissenschaft im Ethikrat. Hingegen verortet er Prof. Klaus Töpfer als weiteren Vorsitzenden, aufgrund dessen langjähriger Funktion als Bundesminister sowie Exekutiv-Direktor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP), ins politische Lager.

Zum Wert wissenschaftlicher Maßstäbe

In sechs Punkten weist Prof. Thess seinen Wissenschaftskollegen detailliert nach, dass Sie gängigen wissenschaftlichen Maßstäben nicht gerecht geworden sind. Fast schon mitleidserregend – aber erschreckend zugleich – der Erklärungsversuch von Prof. Kleiner, der darauf hinweist, dass die Ethikkommission den Atomausstieg gesellschaftspolitisch bewerten, nicht ein fachliches Gutachten abgeben sollte. „Die Professoren hätten sich also lediglich als Mitglieder der Zivilgesellschaft geäußert, nicht als Fachwissenschaftler.“ Nun ja, wir hatten ja bereits oben festgestellt, Wissenschaftler sind auch nur Menschen.

„Zusammenfassend komme ich zu dem Schluss, dass die drei Professorinnen und fünf Professoren der Ethikkommission dem Leitbild unabhängiger Wissenschaft nicht gerecht geworden sind. Sie haben sich allem Anschein nach vereinnahmen lassen und das politisch erwartete Ergebnis geliefert. Um das in der heutigen Zeit beschädigte Vertrauen der Bevölkerung in die Wissenschaft wiederzuerlangen, sollten sich alle Professoren auf die intellektuelle Freiheit besinnen, die der Staat ihnen durch den Beamtenstatus ermöglicht.“ So Prof. Thess in seinem Schreiben.

Politikberatung à la carte

Zum Glück gibt es in Bezug auf die Pandemie eine internationale Forschungszusammenarbeit. Beim Atomausstieg haben wir unter anderem den internationalen Stand der Wissenschaft außen vor gelassen und damit den nationalen Alleingang begünstigt. Wie auch sieben Jahre später bei den Beratungen der Kohleaustiegskommision, haben wir uns weitestgehend auf uns selbst verlassen. Und sind auf Sonderwege eingeschwenkt.

Manfred Haferburg spricht von Hütchenspielertricks der Kanzlerin Merkel. Er sagt voraus, dass wir uns schon auf den nächsten Ethikrat freuen dürfen, der die Fortsetzung der Corona-Maßnahmen durch die Bundesregierung für richtig und angemessen erklärt.

Und hier wird es wieder spitzfindig.

#PreppoKompakt

Laborthese rehabilitiert. Und die Fledermaus bleibt auf jeden Fall im Spiel. Einen Schluss- und zugleich Kontrapunkt bei uns setzt Mascha Kaléko mit ihrem gleichnamigen Kurzgedicht. „Die sogenannte Fledermaus Ist keine. Sieht auch nicht so aus. Kein ‚Oder‘ und ‚Entweder‘: Ist weder Maus noch Fleder. Das weiß seit langem jeder. Einschließlich Johann Strauß. Aus.“

Trotz des deutlichen Schlusspunkts – „Aus“ – ein notwendiger Nachtrag. Am 10.6.2021 wurde erneut ein Kommentar von mir zu einem Artikel in Faz-net vom gleichen Tag (hinter Schranke) nicht eingestellt und leider auch keine Erklärung/Begründung dafür geliefert. Dabei hatte ich Prof. Roland Wiesendanger zitiert, der über die heftige Kritik insbesondere in deutschen Medien an seiner Laborunfallthese sprach. Und unter der Überschrift, man solle sich selbst an die eigene Nase fassen, unseren Landsleuten selbiges geraten.

Einmal mehr bringt es die NZZ vom 14.6.2021 auf den Punkt. Unter der Zwischenüberschrift „Ein bisschen Selbstkritik“ ist dort zu lesen: „In den US-Medien waren in den letzten Wochen zumindest einige selbstkritische Töne zu hören. … Die «New York Times» veröffentlichte Ende Mai einen Kommentar ihres konservativen Ex-Mitarbeiters Bret Stephens. Allzu viele mediale Gatekeeper, so schreibt Stephens, hätten lieber zensuriert und diffamiert, als die Labor-These ernst zu nehmen – und damit gezeigt, dass sich die schlimmsten Feinde der Wissenschaft auch unter jenen fänden, die gerne im Namen dieser Wissenschaft sprächen.“

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