E-Zigaretten und E-Scooter – negative Folgen im neuesten Licht

„Und sie bewegt sich doch.“ Diese trotzige Feststellung – aus Berthold Brechts Schauspiel Leben des Galilei* über die Bewegung der Erde um die Sonne – trifft ein wenig auch auf weniger grundsätzliche, dennoch wichtige Themen unserer Zeit zu. Unverändert gültig seit über 400 Jahren zudem die Forderung Galileo Galileis an die Wissenschaften, „… nicht … der unendlichen Weisheit eine Tür zu öffnen, sondern eine Grenze zu setzen dem unendlichen Irrtum.“ Vor diesem Hintergrund interessieren die neuesten Erkenntnisse über die negativen Folgen des Rauchens von E-Zigaretten und des Fahrens mit E-Scootern, einschließlich daraus abgeleiteter Maßnahmen. Im Abstand von wenigen Tagen – charakteristisch für beide Sachverhalte – folgte Nachricht auf Nachricht. Wir setzen damit unseren Blog-Beitrag vom 24. September 2019 (hier) fort.

Unsere Einschätzung der Gefahren von E-Zigaretten

Ein häufig gebrauchtes Argument für E-Zigaretten ist, dass sie dabei hilfreich sein können, wenn man mit dem Tabakrauchen aufhören will. Noch im Oktober hat das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin keine erhöhte Gefahr durch E-Zigaretten gesehen, allerdings vom Selbstmischen der Liquids abgeraten. Und dabei klar betont, den Konsum keineswegs zu empfehlen (faz.net vom 10.10.2019 sowie Pressemitteilung des BfR vom 17.10.2019).

Am 25. Oktober entschied das Essener Landgericht, die Firma Nico Liquids aus Essen dürfe nicht mehr mit den Slogans „Genuss ohne Reue“ und „apothekenreine Premium-Liquids“ werben. Ironischerweise hatte dieselbe Firma Ende September vor dem Landgericht Düsseldorf ein Verkaufsverbot für Produkte der US-Firma Juul in Deutschland erwirkt (faz.net vom 25.10.2019). Zwei Tage später heißt es, dass aufgrund der wachsenden Angst vor dem Dampf, die Nachfrage in Deutschland einbricht (faz.net vom 27.10.2019). Und aus den USA kommt Ende des Monats die Nachricht, dass Juul unter Druck – statt unter Dampf – stünde und das Geschäft, trotz Eigentümer- und Geschäftsführungswechsel, zu einem Milliardengrab würde (faz.net vom 31.10.2019).

Anfang November erklärt dann die neue Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig, bei der Vorstellung des Drogen- und Suchtberichts 2019, dass die E-Zigarette bislang verharmlost worden sei und fordert ein Werbeverbot (faz.net sowie Pressemitteilung vom 5.11.2019). Ein paar Tage später wird erwartungsgemäß bekannt, dass die Firma Juul Mitarbeiter in Deutschland entlassen will/muss (faz.net vom 9.11.2019).

Stand der Erkenntnisse in den USA zur Todesursache

Zeitgleich wird berichtet, die Ursache für die besorgniserregenden Todesfälle in den USA sei gefunden. Laut Gesundheitsbehörde CDC (Centers for Decease Control and Prevention) ist in der Lungenflüssigkeit von 29 erkrankten Personen aus 10 Bundesstaaten ein aus dem Vitamin E gewonnenes Öl festgestellt worden. Tetrahydrocannabinol, kurz THC, steckt in Cannabis und ist hauptsächlich für die berauschende Wirkung dieser Droge verantwortlich. Es müssten aber weitere Untersuchungen durchgeführt werden. Denn es sei nicht auszuschließen, dass weitere Chemikalien zu den Erkrankungen beitrügen, so die Behörde. Schon zuvor hatte es Hinweise gegeben, dass THC-Produkte eine Rolle spielen könnten (faz-net vom 9.11.2019).

Der ADAC schaut sich den E-Scooter genauer an

Der ADAC blickt übrigens kritisch auf die E-Scooter (hier). Er hat im Sommer in Berlin, Hamburg, München, Köln, Stuttgart und Heidelberg an Werktagen zwischen 7:30 und 17:30 Uhr in einer systematisch angelegten Untersuchung die neuen Verkehrsteilnehmer beobachtet. Dabei wurden 4000 Scooter-Fahrer gezählt (zum Vergleich 60.000 Radfahrer gesichtet). Bei 25 Prozent der E-Scooter-Fahrten wurden Regelverstöße beobachtet. Drei Monate nach Einführung waren fast ausschließlich Roller von Sharing-Anbietern und fast alle Fahrer ohne Helm unterwegs. Auffällig auch die kreuz und quer abgestellten Scooter. Jedoch behinderten nur zwei Prozent andere Verkehrsteilnehmer massiv, stellen aber generell für sehbehinderte Menschen ein großes Problem dar.

„E-Scooter sind im Vergleich zum Pkw zwar eine nachhaltigere Mobilitätsoption, aber bei weitem nicht so umweltfreundlich wie das Fahrrad. Dies liegt vor allem daran, dass für die Batterieherstellung und -entsorgung beträchtliche Ressourcen notwendig sind, ebenso wie für das Einsammeln der E-Scooter über Nacht zum Aufladen. Auch die anschließende Neuverteilung über das Geschäftsgebiet mit konventionell angetriebenen (Diesel-)Transportern verbraucht Energie. … Die Nachhaltigkeitsbilanz der Scooter ist vor allem im Gegensatz zum Fahrrad sehr fragwürdig. Und das Leihen ein vergleichsweise teurer Spaß.“ So das nüchterne Fazit des ADAC.

Was es sonst noch Neues auf dem Markt für innerstädtische Mobilität gibt

Konkurrenz belebt auch auf dem Markt für innerstädtische Mobilität das Geschäft. So gibt es neuerdings ein Abo-Model für Fahrräder. Idee und der Name „Swapfiets“ – übersetzt „Tausch-Rad“ – stammen aus den Niederlanden. Der Vorteil gegenüber dem E-Scooter liegt auf der Hand. Ein gefahrloseres Fortbewegungsmittel, das man über einen längeren Zeitraum, nicht nur für kurze Strecken mietet und mit dem auch kleinere Lasten transportiert werden können (faz-net vom 12.10.2019 – hinter Bezahlschranke).

Ab November soll es einen neuen E-Scooter geben, der eine Marktlücke schließt. Speedy One aus Balingen von der Schwäbischen Alb. Hochwertig mit Straßenzulassung, anpassbar an die Körpergröße, zusammenklappbar und kofferraumtauglich, im Fach- und Online-Handel erhältlich. Bisher gebe es in Deutschland nur Mietroller und nur in den großen Städten, weil sich in kleineren das Geschäft nicht lohne (Schwarzwälder Bote vom 15.10.2019). Man darf auf das „Abschneiden“ gespannt sein – ob der Entwickler Andreas Wittgen richtig liegt.

Neuester Schrei zu mieten: Emmy oder Coup, Motorroller mit Elektro- oder Verbrennungsmotor, im Sitzen zu fahren. Der Berliner E-Roller-Hersteller Unu mit rund 120 Mitarbeitern will seine zweite Fahrzeuggeneration, die von der nächsten Woche an in China produziert werden soll, auch an Mobilitätsdienstleister verkaufen. Bislang wurden nach Angaben des Mitgründers und Geschäftsführers Pascal Blum bis Ende 2018 mehr als 10.000 Roller im Direktvertrieb an Endkunden verkauft, die meisten davon in Deutschland (faz.net vom 12.11.2019).

Während die Anbieterfirmen von Leih-E-Scootern die ersten vier Monate auf dem deutschen Markt positiv bewerten und sich auf den Winter einstellen, zieht Singapur wegen „… vieler schwerer Unfälle … den Stecker und verbannt E-Scooter faktisch aus dem Stadtbild. Essenslieferanten sollen auf Fahrräder umsteigen“ (faz-net vom 9.11.2019). Dieses konsequente und rigorose Durchgreifen kennen wir vom Insel- und Stadtstaat ja auch schon von der E-Zigaretten-Thematik her (siehe hier).

#PreppoKompakt

Bei den „Dampfern“ hat sich in den letzten Wochen und Monaten einiges bewegt. Die Menschen im Land sind sensibilisiert, nicht zuletzt auch durch die intensive Berichterstattung zum Stand der Erkenntnisse in den USA. Und auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung hat reagiert. Bei den „Rollern“ hingegen dominiert noch eine positiv besetzte Perspektive von Anbieterfirmen.

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Wohlbefinden

* Leben des Galilei, edition suhrkamp, Berlin 1963, Zitate auf den S. 88 und 85.

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