Im Kollaps: Lassen Sie sich bitte kein V für ein L vormachen …

Derzeit ist mitunter die Rede vom „Kollaps der Volkswirtschaft“. Die durch Covid-19 ausgelösten Folgewirkungen haben zu Unterbrechungen und zum Zusammenbruch wirtschaftlicher Abläufe geführt. Florierende Geschäftsmodelle, wie beispielsweise in der Luftfahrt- oder Kreuzfahrtbranche, sind in sich zusammengefallen. Die Kalkulationen der finanziellen Einbußen sind schnell zur Hand und werden breit kommuniziert. So hört und liest man exakte Angaben über die Verluste pro Stunde bei einer großen deutschen Fluggesellschaft.

Lufthansa am Boden mit verschiedenen Verläufen der Wirtschaft

Horrende Schadensmeldungen signalisieren den Kollaps

McKinsey, die weltweit tätige Beratungsgesellschaft, hat laut SPIEGEL vom 1.5.2020 vorgerechnet, dass sich derzeit die wöchentlichen Einbußen der gesamten deutschen Volkswirtschaft auf 15 Milliarden Euro belaufen. Kollaps ante portas. Es sind aber nicht nur die Geschäftszahlen der Unternehmen. Es sind auch dramatische Berichte über sprunghaft gestiegene Zahlen am Arbeitsmarkt zu Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit, welche die Runde machen.

Schock und wirtschaftliche Erholung

Ereignisse die unerwartet eintreten und auch nicht immer genau erklärbar sind, die jedoch die Wirtschaft hart treffen, bezeichnen Ökonomen als “Externe Schocks” für die Volkswirtschaften. Bei Covid-19 handelt es sich genau um einen solchen Fall, da beide genannten Voraussetzungen zutreffen.

Die Folgen für die künftige wirtschaftliche Entwicklung versuchen sie dann auszurechnen und vorauszusagen – zu prognostizieren. Den zukünftigen Verlauf der Konjunktur stellen sie mit Hilfe von Großbuchstaben anschaulich dar. Beliebt ist das V, damit wird ein steiler Abschwung und nach kurzer Zeit auch wiederum ein genauso steiler Aufstieg bildlich vermittelt.

Ein U soll im Prinzip denselben Vorhersageverlauf darstellen. Die Zeitdauer zwischen Ab- und Aufstieg ist allerdings etwas länger bemessen als beim V. Generell liegen die Zeitspannen für solche Vorhersagen zwischen sechs und 18 Monaten.

Unterschiedliche Zukunftsverläufe möglich

Daneben gibt es weitere denkbare Verläufe, wie z. B. in der Form eines W. Damit wird eine Abfolge an vorhersehbaren wirtschaftlichen Ab- und Aufschwüngen symbolisiert.

Der Buchstabe L wird gewählt , wenn es nach einem steilen Abfall der Wirtschaftsleistung über längere Zeit hinweg zu keinem nennenswerten Aufschwung kommt.

Zeigen die Berechnungen eine lang anhaltende depressive Phase, also z. B. mit niedrigen Investitionen, hohen Zinsen und hoher Arbeitslosigkeit greifen die Ökonomen zum Buchstaben I.

Große Unwägbarkeiten im Kollaps

Die derzeitige Situation gibt viel Anlaß, mehr spekulativ als kühl und nüchtern in die Zukunft zu schauen. Die Unwägbarkeiten sind inzwischen so groß, dass sie vermutlich auch die wissenschaftlich hochgezüchteten ökonomischen Rechen- und Prognosemodelle überfordern.

Vertrauenswürdige Vorhersagen dürften Mangelware bleiben. Die Bewältigung der mit Covid-19 verbundenen Risiken wird in den nächsten Quartalen die Agenda bestimmen. Dadurch wird sich auch die Erholung der Wirtschaft über einen längeren Zeitraum hinziehen. Also eher eine L-Formation bilden, als ein V oder ein U. Wohlfeile Ratschläge sind da schnell zur Hand. Von der Art eines Kommentars im Der Standard vom 2. Mai 2020 etwa, “Was die Wirtschaft nun braucht”. Es werden auch schon komplett beschriebene Zukunfts-Szenarien gereicht, die ein bestimmtes Gespenst, am Horizont erkennen wollen, die Stagflation. So in der stringenten Analyse von Roland Tichy auf Tichys Einblick vom 25. April 2020 unter dem Titel “Wirtschaft nach Corona: Die große V-Illusion”.

Unzureichendes ökonomisches Verständnis

Darin kommt eher ein ökonomisches Verständnis zum Ausdruck, welches in der ‘Wirtschaft’ immer noch etwas sieht, was der Mechanik eines merry-go-round – eines Karussells, nicht nur für Kinder – entspricht. Sie gaukelt vor, dass durch einige Knöpfe drücken hier und Hebel verstellen dort, zwischen einzelnen Zuständen beliebig hin- und her geschaltet werden könne. Diese Sichtweise ist vor allem durch die Auffassung geprägt, es gäbe die Möglichkeit, eine zu maximierende menschliche Wunschgröße, trotz gelegentlicher Störungen, mit genügend großen Anstrengungen und den richtigen Einstellungen an den Knöpfen und Hebeln, jederzeit immer wieder herzustellen. Dem ist aber nicht so!

Bei ‘Wirtschaft’ handelt es sich um einen – vom Zeitablauf bestimmten – irreversiblen Prozess und nicht um eine zeitlose mechanische Maschine. Deshalb sollte die Auffassung darüber schleunigst geändert werden. Sie – die ökonomische Wissenschaft – sollte nicht länger in dem antiquierten mechanistischen Weltbild aus dem 18. Jahrhundert verharren. Wesentliche Grundlagen sollten die zeitgemäßen biophysikalischen Erkenntnisse über die Zusammenhänge von Wirtschaft und Natur werden.

Defizite bei der Nutzung und mangelnde Ausschöpfung technischer Möglichkeiten

Die aus gesundheitlichen Gründen erzwungenen Stillstände der letzten Wochen haben verschiedene Defizite im Stand der gesellschaftlich-technischen Entwicklung aufgezeigt. Wenn beispielsweise in 2020 die Übermittlung von Schulaufgaben an die Schüler an manchen Schulen nur brieflich oder per Fax möglich ist. Dies legt unverzeihliche, immer wieder angemahnte Versäumnisse schlagartig offen. Die im Vergleich zu anderen Ländern mangelhafte und unzureichende Durchdringung gesellschaftlich notwendiger Einrichtungen mit sinnvollen technisch-organisatorischen Lösungen hat unterschiedliche Gründe. Dabei sind es nicht immer nur unzureichende finanzielle Mittel. Mentale und habituelle Einstellungen der entscheidenden und handelnden Personen sind noch immer mit ursächlich.

Daneben sind es häufig in alten bürokratischen Strukturen verharrende institutionelle Regelungen. Auf diesen Sachverhalt weist u.a. ein, bisher in der deutschen Öffentlichkeit kaum wahrgenommenes Gutachten der Expertenkommission Forschung und Innovation aus dem Jahr 2019 hin: “Bei der Digitalisierung der Hochschulen trifft eine technisch komplexe Aufgabe auf unzureichend entwickelte Governancestrukturen. Damit die Digitalisierung gelingen kann, müssen die Hochschulen ihre Verwaltung weiter modernisieren.”

Mitunter spielen aber auch mangelnde kognitive Fähigkeiten zur Bewältigung komplexer Sachverhalte eine entscheidende Rolle. Sie enden dann im Aufbau willkürlich erscheinender bürokratischer Barrieren. Häufig ist es aber auch ganz einfach Nicht-Akzeptanz – und bei vielen Menschen das Gefühl der Überforderung mit permanent neuen, ständig wechselnden Anforderungen.

Nach dem Kollaps Neujustierung dringend geboten

Die derzeitigen Konstellationen lassen einerseits Annahmen über äußerst pessimistische Szenarien zu. Andererseits geben sie auch Anlass, darin eine echte Chance für innovatives Handeln zu erkennen. In einem Beitrag in faz-net vom 20.4.2020 zu den positven Seiten der Corona Krise werden wertvolle Anregungen zur zukünftigen digitalen Gestaltung unserer Gesellschaft gegeben: von E-Justiz über E-Health bis hin zur Digitalen Bildung.

Die kurzzeitig verordnete Entschleunigung und ihre wohltuenden Wirkungen werden allerdings zunehmend überlagert von Zukunftsängsten. Die verständlichen Sorgen um die Sicherung der wirtschaftlichen Basis und das künftige Wohlergehen gewinnen die Oberhand. Dabei besteht die Gefahr des schnellen Abgleitens in kurzfristiges Denken mit kurzatmigem Handeln. Die Gelegenheit zur Neujustierung der individuellen und der gesellschaftlichen Ausrichtung sollte produktiv genutzt werden. Dazu sind Ideen und Programme zur Umsetzbarkeit erforderlich. Es ist dringendst geboten, Strukturen und Prozesse aufzubauen, die sich als resilient, widerstandsfähiger, krisenfester und zukunftsfähiger zeigen als die bisherigen!

Mittelweg nicht die beste Wahl

In Anlehnung an das Sprichwort „In Gefahr und höchster Not, bringt der Mittelweg den Tod” verbietet sich ein „Weiter so wie bisher“. Stattdessen braucht es Phantasie, Initiative und Kreativität, um neue Vorstellungen und Gedanken zu entwickeln. Gewisse gesellschaftliche sowie wirtschaftliche Strukturen und Prozesse haben sich im Verlauf der beiden Krisen – der Finanzkrise ab 2007 und der Corona-Krise jetzt – als brüchig und nicht werthaltig erwiesen. Diese Schwachstellen gilt es präzise zu identifizieren und dringend zu reparieren. Das oben erwähnte Gutachten zeigt weitere wichtige Handlungsfelder auf, wie z. B. die Rolle von Start-ups im Innovationssystem.

Dabei spielt auch die Nachhaltigkeit eine gewichtige Rolle.

Außerdem darf nicht vergessen werden, dass durch Covid-19 die entscheidende der vier Grundfreiheiten – die Personenfreiheit – betroffen ist. Die Bewegungsfreiheit von Menschen spielt nun einmal eine zentrale Rolle in der Gestaltung wirtschaftlicher Prozesse. Darüber hilft auch eine noch so perfekt gestaltete digitalisierte Welt nicht hinweg. Es geht – auch in der Wirtschaft – zuerst um die Menschen!

Neue Maxime für die Zeit nach dem Kollaps

Eventuell gelingt es in absehbarer Zukunft tatsächlich, einen wirksamen Impfstoff gegen das Corona Virus zu entwickeln (siehe hier am Ende des Beitrags die Einschätzung von Markus Gabriel). Das würde dem sozialen und wirtschaftlichen Geschehen wieder Schwung verleihen. Es wäre dann auch an der Zeit, einer Maxime des Wirtschaftsphilosophen Nicolas Georgescu-Roegen zu folgen, die lautet: „Unsere wirtschaftlichen Entscheidungen sollten sich weniger an der Maximierung unseres Nutzens und unserer finanziellen Gewinne ausrichten – eher an der Minimierung der Reue über dieselben.”

#PreppoKompakt

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