Wer hat Angst vor … dem Ruhestand?

Rund 1.346.000 Neu-Rentner sowie 66.000 Neu-Ruheständler aus dem öffentlichen Dienst gab es in 2016. Was den über 1,4 Millionen Menschen dieses Jahres passieren konnte – und Jahr für Jahr stößt eine ähnliche Größenordnung hinzu -, hinterfrägt drastisch, wohl auch rhetorisch gekonnt Deike Uhtenwoldt in dem Artikel „Unruhe vor dem Ruhestand“ (faz-net vom 28.2.2019): „Wartet auf angehende Rentner ein großes Loch oder die große Freiheit?“

„Wer hat Angst vor Virgina Woolf?“ ist spätestens seit der Verfilmung des Romans mit Elizabeth Taylor und Richard Burton in 1966 legendär. Aber droht wirklich ein großes Loch, in das man fällt, wenn das Berufsleben einmal endet? Wohl kaum, zumindest nicht zwangsläufig und großflächig. Gleiches gilt aber auch für die große Freiheit. Wobei ein Leben rein nach der inneren Uhr, gänzlich frei von Zeitgebern und Zwängen (siehe unseren Beitrag über Schlafstörungen), wohl noch am ehesten im Ruhestand möglich erscheint.

Ein paar Zahlen und Fakten

Die gestiegene durchschnittliche Lebenserwartung bei Frauen mit 83,2 und bei Männern mit 78,3 Jahren beschert diesen Ruheständlern einen längeren Ruhestand. Wobei sich der Zuwachs zunehmend abschwächt. Waren es durchschnittlich 0,3 Jahre pro Jahr, so sind es heute gerade mal 0,1 – die durchschnittliche Lebenserwartung für Neugeborene stieg damit um rund 37 Tage. Übrigens – das bemerkt der Lokalpatriot – ist sie unter allen Bundesländern in Baden-Württemberg am höchsten (faz-net vom 5.11.19).

Gleichzeitig gibt es laut Schuldneratlas 2019 der Wirtschaftsauskunftei Creditreform bei den „älteren Semestern“ zunehmend mehr Schuldner. Der Anteil der über 70jährigen sei zwar noch gering, aber sehr stark angestiegen, um 45 % auf 381.000, so faz-net vom 14.11.19 – und weiter: „Das Risiko von Altersarmut sei zum einen durch die Rentenreformen der vergangenen Jahrzehnte gestiegen, weil dadurch das Sicherungsniveau der gesetzlichen Rente gesunken sei. Zudem sei der Niedriglohnsektor gewachsen, auch der Anstieg der Mieten spiele eine Rolle. Zudem nähmen Rentner häufig ihnen zustehende Sozialleistungen nicht in Anspruch.“ Nicht ohne Grund sah sich die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) veranlasst, die deutsche Bundesregierung in dieser Woche heftigst zu kritisieren. Altersarmut in Deutschland – OECD verreißt deutsches Rentensystem, lautet der Titel in faz-net vom 27.11.2019.

Problemfelder und Fallstricke

Finanzielle Einbußen in der Rente sind das Eine. Mit zunehmendem Alter kommen potenzielle Gefährdungen durch Betrügereien hinzu, beispielsweise den sogenannten Enkeltrick (siehe hierzu unseren Beitrag). Eine längere Berufstätigkeit ist dabei eher privilegierten Personen vorbehalten. Jeder 9. Deutsche zwischen 65 und 74 Jahren ist noch beruflich engagiert. Und selbst bei den über 74-Jährigen hat die Erwerbstätigkeit zwischen 2006 und 2016 um 50 Prozent zugelegt (laut Datenreport 2018 der Bundeszentrale für politische Bildung – bpb).

Ganz wichtig in dieser Lebensphase sind eine vernünftige Zeitgestaltung und Sinngebung. Bekommt man beides nicht in den Griff, dann droht auch sehr schnell die Einsamkeit. Der Frage, ob es bei uns Einsamkeit wirklich gibt, ist Das Erste (ARD) in der Tagesschau vom 4.6.2019 nachgegangen. Das Fazit: nicht epidemisch, aber ein ernstzunehmendes Problem. Weniger durch Einsamkeit gefährdet als Einzelpersonen sind Ehepartner. Wobei aber gerade auch der Übertritt des Mannes in den Ruhestand den Haussegen durch häufiges, nennen wir es Kompetenzgerangel, ernsthaft in Frage stellen kann.

Wen beschäftigen die Probleme älterer Menschen

Noch gibt es bei uns kein Ministerium für Einsamkeit, vergleichbar dem Ministry of Loneliness in Großbritannien. Das Inselreich sei eine „Hochburg der Einsamkeit“, so die Tageszeitung „The Guardian“ unter Berufung auf Befunde des Büros für nationale Statistik. Und laut Rotem Kreuz, berichtet die NZZ vom 30.1.2018 weiter, fühlten sich mehr als neun Millionen Menschen im Land – gut 13 Prozent der Bevölkerung – oft allein, etwa 200 000 Senioren hätten höchstens einmal im Monat ein Gespräch mit einem Freund oder Verwandten. Und dann – sage ich augenzwinkernd – noch der Brexit, unvorstellbar.

Die Bundesregierung – selbstverständlich interessiert an Seniorenpolitik, federführend das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) – läßt sich in jeder Legislaturperiode von einer Expertenkommission berichten. So arbeitet aktuell der nunmehr Achte Altersbericht heraus, „… welchen Beitrag Technik und Digitalisierung zu einem guten Leben im Alter leistet und leisten kann.“ Die Geschäftstelle dieser Kommission sitzt beim Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA) in Berlin, einer Forschungseinrichtung in der Zuständigkeit des BMFSFJ. Laut DZA hängt die Lebenszufriedenheit im Alter dabei von zwei Voraussetzungen ab: erstens, vom Bildungstand. Und zweitens, dass der Übergang in den Ruhestand aus der Erwerbstätigkeit heraus, nicht aus der Arbeitslosigkeit erfolgt.

Zu einem ähnlichen Ergebnis, wie der genannte Bericht der ARD, kommt die DZA in Bezug auf die Einsamkeit von Menschen im Alter von 45 bis 84 Jahren im Zeitraum 2008 bis 2017. Der Anteil einsamer Menschen in der Bevölkerung schwanke ungefähr zwischen acht und neun Prozent. Die Einsamkeitsraten nähmen aber keineswegs beständig mit dem Alter zu.

Lebensgestaltung im Un-Ruhestand

Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BIB) in Wiesbaden führt unter anderem die Langzeitstudie TOP – Transitions and Old Age Potential – durch. Diese beschäftigt sich mit dem Übergang in den Ruhestand und der Gestaltungsoption, noch einer bezahlten Arbeit nachzugehen. Dabei zeigt sich, dass die Grenzlinien zwischen Erwerbsarbeit, Ruhestand und Un-Ruhestand nicht klar verlaufen, sondern sich verwischen. Die Norm vom wohlverdienten Ruhestand ist noch sehr präsent. Zugleich sind aber bestimmte Personengruppen noch nicht für den Ruhestand bereit und zögern diesen auf höhere Altersstufen hinaus. Das Phänomen wird durch die geburtenstarken Jahrgänge an Dynamik gewinnen, wenn sich immer mehr Personen in dieser Lebensphase befinden (siehe Bevölkerungsforschung Aktuell, Ausgabe 6, 2018, 39. Jg., S. 2-12).

Individuelle Lösungsansätze

Für Frau/Mann gibt es, natürlich abhängig vom jeweiligen Gesundheitszustand, Wohnstandort – einschließlich der sozialen Einbindung -, und finanziellen Polster, viele Möglichkeiten, die neu hinzugewonnene Zeit sinnvoll zu nutzen. Ob es sich um den Besuch von Vorlesungen des Studium Generale in einer nahegelegenen Universität, einen Literaturzirkel mit Gleichgesinnten, ein ehrenamtliches Engagement in Vereinen, bei Nachbarschaftshilfen, im Tafelladen, sportliche, politische, unternehmerische Aktivitäten oder regelmäßige Klassentreffen handelt, ist letztlich egal. Nicht zuletzt auch das Kümmern um (Enkel)Kinder und/oder die Pflege von Familienangehörigen. Hauptsache man kommt unter Menschen, kann sich einbringen und sogar im Alter Neues hinzulernen.

Die lokale Ebene – mit der Angebotsvielfalt von Kommune und Landkreis – ist dabei ein „Hauptumschlagsplatz“. Ganz wichtig, schon vorher – also während der Berufstätigkeit – sich Gedanken machen. Ein Aphorismus von Leonardo da Vinci – geboren 1452, gestorben 1519, vor 500 Jahren – lautet (nach Wikipedia): „Wer wenig denkt, irrt viel.“ Und vor allem die Dinge vorher auch ausprobieren. Nicht sozusagen in letzter Sekunde, das erleichtert den Übergang. In diesen Fällen besitzt das Wort Angst auch keine Existenzberechtigung mehr.

Eilmeldung vom 29. November 2019 – Respektrente passt voll ins Bild

Heute hat die Gesellschaft für deutsche Sprache e.V. (GfdS) bekanntgegeben, dass am 27. November „Respektrente“ zum Wort des Jahres 2019 gewählt wurde. „Das Wort bezeichnet die Einführung einer Grundrente für Personen, die 35 Jahre erwerbstätig waren und dennoch eine Rente unterhalb des Existenzminimums beziehen. Aus sprachlicher Sicht handelt es sich um die Neubildung eines Hochwertwortes in der politischen Debatte, die der Selbstaufwertung durch Fremdaufwertung dient.“ Soweit die GfdS. Auf Platz 2 wählte die Jury übrigens das Wort „Rollerchaos“. Wir haben bei Preppo dieses durch E-Scooter verursachte Chaos kommen sehen – was nicht schwer war – und in fünf Beiträgen darüber berichtet (beispielsweise hier).

Meinen guten Freunden Helmut, Ottmar und Otto-Paul – mehr oder weniger Neuruheständlern – gewidmet. Ottmar gab übrigens den Hinweis, dass man das Wort Rentner auch von hinten nach vorne lesen könne, es sich um ein Palindrom – rückwärts laufend – handelt.

#PreppoKompakt

Angst vor dem Ruhestand braucht niemand zu haben, der ihn gesund und munter erreicht. Und der einigermaßen eingebunden ist in das soziale und gesellschaftliche Leben. Auch finanziell über die Runden kommt, ein Dach über dem Kopf und zu Essen und Trinken hat. Dass nicht allen dies vergönnt ist, darin besteht die Herausforderung für unsere Soziale Marktwirtschaft – und vor allem für uns selbst. Hilfe zur Selbsthilfe und persönliche Hilfsbereitschaft sind in solchen Fällen angesagt.

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