Spitz-findig-keit

Spitz oder Spitze sind in aller Regel pointierte Aussagen zum Zeitgeschehen. Dies kann, muss aber nicht die Politik betreffen. Es kann auf die Gegenwart oder auch auf die Vergangenheit gemünzt sein. Spitz ist eine Aussage dann, wenn sie sticht, der betreffenden Person oder Personengruppe wehtut, spitze, wenn sie ausgezeichnet formuliert ist und im Idealfall zudem die Wahrheit abbildet. Fi/ündig, wenn der beschriebene Umstand nicht ganz offensichtlich, also erst zu ergründen ist. Und -keit lässt auf unterschiedliche menschliche Eigenheiten/-schaften schließen, wie beispielsweise Eitelkeit, Heiterkeit, Überheblichkeit oder, oder. Alles zusammengenommen eine echte Spitzfindigkeit. In unserer Kolumne ‚Spitz-findig-keit‘ zitieren wir in lockerer Folge jeweils zwei oder drei Aussagen und verschonen dabei auch nicht klassische Denkerinnen und Denker.

Um Denkanstösse zu geben, die Freude am Formulieren zu wecken – nichtzuletzt auch um dem Humor in unserer doch etwas trostloseren Zeit wieder mehr Geltung zu verschaffen. Erhöht das Wohlbefinden. Packen wir es an! Ich sage nicht, wir schaffen das. Aber wir probieren es auf jeden Fall!

Vorbemerkung

Es gibt nach Immanuel Kant auch eine falsche Spitzfindigkeit, die wir uns hier allerdings nicht zu eigen machen wollen. Wer dem dennoch nachgehen möchte – Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren – kann dies hier gerne tun.

Heute beschäftigen wir uns aus gegebenem Anlass dafür lieber mit unserer neueren deutschen Geschichte.

1. Spitz-findig-keit

Letzten Freitag vor 60 Jahren – am 13. August 1961 – begann die SED-Führung unter Walter Ulbricht mit dem Bau der Mauer in Berlin, um die Massenflucht der Menschen aus der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) seit Gründung im Oktober 1949 zu beenden.

„Es ist die Nacht zum Sonntag, die Berliner sind, so hofft man, mit dem Wochenende beschäftigt. Mehr als 10.000 Volks- und Grenzpolizisten reißen Pflaster und Asphalt auf, errichten Barrikaden und ziehen Stacheldraht durch die Stadt. Die Sektorenübergänge werden abgeriegelt, zahlreiche S- und U-Bahnhöfe geschlossen. 7000 Soldaten sollen ein Durchbrechen in den Westen verhindern, auch die sowjetischen Truppen sind in Bereitschaft.“

Bis dahin hatten 2,8 Millionen Menschen die DDR verlassen. Schon seit 1958 gab es Pläne für eine Mauer, doch der sowjetische Führer Nikita Chruschtschow war lange Zeit dagegen. So Markus Wehner in faz-net vom 12.8.2021.

Wikipedia hat eine denkwürdige internationale Pressekonferenz festgehalten, die zwei Monate zuvor am 15. Juni 1961 in Ost-Berlin stattfand. Die Journalistin der Frankfurter Rundschau, Annamarie Doherr, hatte eine Zusatzfrage: „Herr Vorsitzender, bedeutet die Bildung einer freien Stadt Ihrer Meinung nach, dass die Staatsgrenze am Brandenburger Tor errichtet wird? Und sind Sie entschlossen, dieser Tatsache mit allen Konsequenzen Rechnung zu tragen?“

Worauf Walter Ulbricht antwortete: „Ich verstehe Ihre Frage so, dass es Menschen in Westdeutschland gibt, die wünschen, dass wir die Bauarbeiter der Hauptstadt der DDR mobilisieren, um eine Mauer aufzurichten, ja? Ääh, mir ist nicht bekannt, dass solche Absicht besteht, da sich die Bauarbeiter in der Hauptstadt hauptsächlich mit Wohnungsbau beschäftigen und ihre Arbeitskraft dafür voll ausgenutzt wird, voll eingesetzt wird. Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“

Gleich doppelt brachte Ulbricht damit (erstmals) die Mauer ins Spiel, sogar ungefragt. Heutigen Maßstäben nach eine umständliche, geschwurbelte Antwort, die sich zudem wenig später als glatte Lüge entpuppte. „Ob er dies aus einer Unachtsamkeit heraus oder mit Absicht tat, konnte nie abschließend geklärt werden.“ So bei Wikipedia zu lesen. Walter Ulbricht verstarb übrigens hochdekoriert am 1. August 1973, nachdem ihn der im Saarland geborene Erich Honecker zwei Jahre zuvor mit Wissen der Moskauer Führung eiskalt entmachtet hatte.

2. Spitz-findig-keit

„Wir sind das Volk“ – mit diesem Ruf kündigte sich zugleich das Ende des 155 Kilometer langen Symbols der deutschen Teilung aus Beton und Stahl rund um West-Berlin an. Diese friedliche, unblutige Revolution ist ein wahres Glanzstück deutscher Geschichte.

Der am 7. Mai 1939 in Dresden geborene Schriftsteller Volker Braun hat in seinem Tagebuch davon wichtige Stationen festgehalten sowie das zum Untergang bestimmte System der DDR scharfsinnig diagnostiziert (elf Tage wiedergegeben im von Rainer Wieland herausgegebenen Buch „Stand spät auf, legte mich aber dann wieder hin“* – Durch das Jahr mit dem Buch der Tagebücher, Piper-Verlag, München 2020). Sein letzter Eintrag datiert vom 4. November 1989 (dort auf S. 516): „ich wurde seit tagen gedrängt, auf einer kundgebung für meinungs- und pressefreiheit zu sprechen. das schien mir ein zu schmaler ansatz; zu fordern wäre volkssouveränität. … aber diese bescheidene, genehmigte demonstration ruft eine halbe million auf den plan (den alexanderplatz), und inmitten der zu nichts und zu allem entschlossenen menge, ihrer ruhigen, unaufgeregten kraft erkenne ich meinen kleinmut. es ist eine erfahrung der freiheit.“

3. Spitz-findig-keit

Der Schriftsteller Walter Kempowski (1929-2007) am Tag des Mauerfalls am 9. November 1989 mit seinem Tagebucheintrag (im oben genannten Buch auf S. 526f): „1.10 Uhr. Sender unterbricht ‚wegen der besonderen Ereignisse‘! Wie bei Orson Welles. / Erstaunlich, unglaublich. / Das ist doch die Wiedervereinigung. Ob da nun eine Grenze dazwischen ist oder nicht. / … / ‚Seit sechs Stunden ist die Grenze offen!‘ / … / 19.34 Uhr hatten die ‚Bürger der DDR‘ von der neuen Regelung erfahren, angeblich ein Versehen von Schabowski, er wird gezeigt, wie man ihm den Zettel reicht: Buchstabiert da was zusammen, was er gar nicht richtig kapiert.“

Als Mitarbeiter des Bundesumweltministeriums war ich (JG) an diesem Tag im niedersächsischen Wendland in Verhandlungen mit einer DDR-Delegation über den Schutz der Elbe befaßt. Nach dem gemeinsamen Abendessen – ein traditionelles „Hochzeitsessen“ mit Sauerkraut, Blut- und Leberwurst – brachte ein Kollege des Ministeriums für innerdeutsche Beziehungen nach dem Telefonat mit seiner Familie in Bonn die Nachricht von der Maueröffnung in den Saal. Die Fachkollegen aus der DDR verzogen sich danach relativ schnell auf ihre Zimmer, nur ihr (obligatorischer) „Aufpasser“ von der Staatssicherheit, kurz Stasi, blieb (als einziger) bei uns. Beim Bier hob er standhaft auf die Vorzüge der Plattenbauten in seinem Teil Deutschlands – dem ersten (und letzten?) Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden – ab.

Und hier geht es weiter zur Sepsis.

#PreppoKompakt

Allen Grund, auf diese friedliche Revolution sehr stolz zu sein. Dabei schätzt man offenbar den Wert der Freiheit in der Gesellschaft umso mehr, wenn man für sie einmal eintreten/kämpfen musste. Auch die „menschliche Sensorik“ nimmt dann viel früher, wohl auch klarer schon kleinere Einschränkungen der Freiheit wahr.

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