E-Scooter – großes Experiment auf Radwegen und Straßen

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Nur sehr selten hat man die Gelegenheit hautnah zu beobachten, wie schnell Vorhersagen Realität werden – in der Medizin nennt man so etwas Operation am offenen Herzen –, zudem vor solch großem Publikum. Mit der Einführung von Elektro-Tretrollern, auch E-Roller oder E-Scooter genannt, im Sommer 2019 in Deutschland hat sich diese Chance eröffnet. Dabei muss, es gehört nicht viel Fantasie dazu, der gesunde Menschenverstand reicht aus, mit gravierenden gesundheitlichen Schäden gerechnet werden.

E-Scooter Lenker

Die einschlägigen Verkehrsregeln

Schon vor dem Inkrafttreten der entsprechenden (Elektrokleinstfahrzeuge-) Verordnung, die am 17. Mai diesen Jahres mit dem Beschluss des Bundesrates die letzte parlamentarische Hürde nahm, wurde das Für und Wider diskutiert und abgewogen. Eine neue Form der Fortbewegung, durch die laut Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer aber niemand gefährdet werden sollte. Vermutlich deshalb wurde das noch im Regierungsentwurf erlaubte Fahren auf Gehwegen von ihm wieder kassiert (hier festgehalten faz.net).

Nun wird seit dem 15. Juni diese „Mobilität für die letzte Meile“, so der gängige Slogan aus der Verkehrswendekiste, auf Radwegen – sofern vorhanden – oder auf der Straße ausgetragen. Dabei gilt: der Scooter ist nur für eine einzelne Person ausgelegt, Mindestalter 14 Jahre, die Geschwindigkeit auf maximal 20 Stundenkilometer beschränkt, die Promillegrenze 0,5 wie beim Auto – Fahrer unter 21 Jahren jedoch 0,0 Promille, Abbiegen ist mittels Handzeichen anzuzeigen – kein leichtes Unterfangen, Versicherungs- gleich Haftpflicht ja, Helmpflicht nein.

Erste blutige Erfahrungen

Schon die ersten sechs Wochen, wie in ZDFzoom: „Gefährlicher Roller-Rausch“ vom 21. August berichtet wird (sehenswerter Beitrag – zdf.de), haben vorrangig junge Männer – über einhundert, wie eine von den Autoren der Sendung durchgeführte Abfrage bei größeren Unfallkliniken ergeben hat – in Verbindung mit Alkoholkonsum, durch Kontrollverlust und/oder Fahrfehler unfreiwillig aus dem Verkehr gezogen. Von Prellungen, Brüchen und Kopfverletzungen ist die Rede.

Seitens der Berliner Kommunalverwaltung wurden, als Reaktion auf vielfältige Bürgerbeschwerden über Hindernisläufe auf Gehwegen, bereits Parkverbotszonen für E-Scooter eingerichtet und es sollen auch Pkw-Parkplätze zum Abstellen/-legen der Geräte umgewidmet werden.

Dabei ist in Berlin durch die vorrangig auch von Touristen genutzten E-Scooter mit einer weiteren Verengung des bereits schon engen Verkehrsraumes zu rechnen. Angesichts der erschreckenden Berliner Bilanz aus 2018 mit über 8000 verunfallten Fahrradfahrern, dabei 800 Schwerverletzte und 11 Todesfälle, lässt sich vorausahnen, dass es in 2019 und den Folgejahren garantiert nicht weniger, sondern deutlich mehr werden.

Erfahrungen aus anderen europäischen Hauptstädten

Madrid

Auch aus anderen europäischen Metropolen liegen ähnliche Erfahrungen vor. So aus Madrid, wo bereits ein Jahr früher grünes Licht für E-Scooter gegeben wurde. 34 Unfälle in vier Monaten hatten dann zu einem vorläufigen Scooter-Verbot geführt. Die erneute Erlaubnis beinhaltet neue Regeln: viele große Straßen bleiben für Scooter verboten, auf allen Tempo-30-Straßen sind sie erlaubt, auf Gehwegen hingegen verboten. Für die 21 Madrider Stadtviertel gibt es genau vorgegebene Scooter-Zahlen – maximal 10 Tausend Stück.

Kopenhagen

Kopenhagen – eine Art Vorreiter in Sachen Zweiradmobilität mit einer nagelneuen Fahrradbrücke – hat bisher wenig Unfälle, aber etliche Beschwerden von Fußgängern, auch über „wilde Ablagerungen“, und deshalb im Zentrum zahlenmäßige Beschränkungen für E-Scooter eingeführt. Soweit ZDFzoom.

Paris

In Paris, wo laut Schätzungen 15 bis 20 Tausend Scooter unterwegs sind, kocht das Thema immer heftiger hoch. In ganz Frankreich sei es bislang zu rund 60 Unfällen gekommen, so die FAZ. Anlass des Berichtes vom 11. August war der Tod eines 30jährigen Scooter-Fahrers. Er wurde auf der Autobahn in einem Pariser Vorort, die er illegal befuhr, gegen 23 Uhr von einem Motorradfahrer von hinten gerammt (siehe hierzu faz.net).

Mailand

Nach einer Unfallserie in Mailand, so die FAZ vom 16. August, sind Miet-E-Scooter vorläufig verboten worden. Private Scooter dürfen gemäß den gesetzlichen Bestimmungen weiter benutzt werden (siehe faz.net). Das Verbot der Miet-Roller in Mailand wird wieder aufgehoben, sobald die Kommune die vorgesehenen Hinweisschilder angebracht hat. In Fußgängerzonen sind maximal sechs, auf Radwegen und in Tempo-30-Zonen höchstens 20 Stundenkilometer erlaubt. Wobei, anders als in Deutschland, das Mindestalter für E-Scooter-Fahrer/innen in Italien 18 Jahre beträgt.

London

Einen Todesfall mit dem E-Scooter durch die Kollision mit einem Lastwagen hat es übrigens auch schon in London gegeben. Dort verunglückte im Juli eine 35jährige Frau, die als Lifestyle-Beraterin/Youtuberin arbeitete. Die Besonderheit: Die Scooter sind in Großbritannien nicht für den Straßenverkehr zugelassen und dürfen legal nur auf privatem Grund und Boden betrieben werden. „Trotzdem – so in der FAZ vom 14. Juli (siehe faz.net) – sind sie immer häufiger im Straßenbild zu sehen.“

Vorläufige Bilanz und Ratschlag

Im Grunde genommen handelt es sich um ein konzeptionsloses, mit viel Lehrgeld zu bezahlendes Experiment am/mit lebend(ig)en Menschen. Schnell kann daraus eine „Mobilität für den letzten Gang“ werden. Ein richtiger Opfergang, wie die bisherigen Opferzahlen belegen. Dass gegenwärtig unter anderen auch in Frankreich, Spanien, Italien und Dänemark damit herumexperimentiert wird, kann schon angesichts des vermeidbaren menschlichen Leides, einmal abgesehen vom finanziellen Schaden, beim besten Willen nicht richtig trösten.

Deshalb als einfacher Rat: zunächst Abstand nehmen von dieser neuen Fortbewegungsart. Und zwar solange bis sie ausgegoren ist und die Verhältnisse, einschließlich Infrastruktur, einen normalen, weniger gefährlichen Betrieb zulassen. Wer nicht warten möchte, der kann seinen Bewegungsdrang und „Geschwindigkeitsrausch“ mit dem E-Scooter auf dafür zugelassenen Plätzen sicherlich gefahrlos ausleben. Der Blick ins Internet: Ach so, es gibt noch gar keine solchen Plätze – auch deshalb konzeptionslos –, aber vielleicht öffnen ja die Betreiber von Übungsplätzen für Fahrräder und PKWs diese in Bälde auch für E-Scooter.

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