Genom-Editierung: komplexes Thema, über das zu sprechen ist

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Vielleicht ist dies die nachhaltigste Bemerkung des Bundesministers des Innern überhaupt, zumindest in der Erinnerung vieler Menschen, die sich nicht gerade wissenschaftlich oder journalistisch mit seiner „Regierungsbilanz“ näher zu beschäftigen haben. Nachdem nach den Terroranschlägen am 13. November 2015 in Paris das Fußball-Länderspiel Deutschland gegen die Niederlande abgesagt wurde, hatte Thomas de Maizière in einem Interview die ausweichende, im Grunde unsinnige Antwort gegeben, Teile der von ihm vorenthaltenen Informationen „… würden die Bevölkerung beunruhigen.“

Nicht alles zu sagen, was man weiß, um niemanden zu beunruhigen, ist ein zweischneidiges Schwert, und erreicht meist das Gegenteil. Besser und vor allem auch einer demokratischen Gesellschaft angemessener ist, Informationen nicht zurückzuhalten, sondern aufzubereiten und die Menschen so gut es geht aufzuklären.

DNA-Strang und Mikroskop

Erklärungs- und Deutungsversuche

Dies betrifft gerade auch sehr komplexe Sachverhalte wie die Genom-Editierung oder Genom-Chirurgie. Diese beschäftigt sich mit Eingriffen ins Erbgut von Lebewesen/Organismen, d.h. von Menschen, Tieren und Pflanzen (siehe hierzu die Themenseite der Max-Planck-Gesellschaft mit kurzem Video aus 2015, das die Genom-Editierung beschreibt). CRISPER-Cas – auch Gen-Schere genannt – ist ein überschaubares, relativ sicheres und einfaches Verfahren, um die Erbsubstanz zu verändern. In der Medizin wächst die Erwartung, damit über neue Therapien unter anderem auch Krebserkrankungen heilen zu können – ein klinischer Versuch läuft gegenwärtig an der Universität Regensburg. In der Landwirtschaft hofft man über neue Nutzpflanzensorten die Ernteerträge steigern und eine stark wachsende Bevölkerung auf unserem Planeten auch zukünftig ernähren zu können.

CRISPER und Sicherheitsaspekte

(Große) Chancen gehen im realen Leben zumeist mit (großen) Risiken einher, das eine ohne das andere ist kaum zu haben. Beides beschreibt sehr anschaulich das ZDF am 8. September 2019 in planet e „Das Spiel mit den Genen“ (siehe ZDF Mediathek). Gerade weil der Zugang zu dieser Technik relativ einfach ist, sind diverse Szenarien mit tödlichen Keimen vorstellbar.

In den USA arbeitet die dem Verteidigungsministerium/Pentagon nachgeordnete Behörde DARPA, die Forschungsprojekte für die Streitkräfte durchführt, deshalb ganz gezielt an Gegenmaßnahmen. Zu deren „Werkzeugkasten“ gehören Safe-Gen-Programme gegen Bio-Terrorismus, auch von islamistischen Gruppen. Es handele sich um „… eine ganz neue Verletzlichkeit, die uns sorgen sollte, die wir im Auge behalten müssen“, so im Film Gregory Koblentz von der George Mason Universität.

Deutsche Behörden, Dienste und Ministerien bleiben darauf eine konkrete Antwort schuldig, weil sie nicht konnten oder wollten – so das Fazit der halbstündigen, sehenswerten ZDF-Sendung zum Schluss. Das Missbrauchspotenzial wächst einfach mit. Prof. Dr. Marius Ueffing vom Universitätsklinikum Tübingen hat sich am 25. April 2019 im Rahmen des Studium Generale unter dem Titel „Von der Genchirurgie zum Gendesign“ eindeutig zur gestiegenen Wahrscheinlichkeit für Bio-Terrorismus und damit einhergehenden Katastrophen geäußert.

Weitere Gesichtspunkte

Der Rede wert ist auch ein Urteil, das der Europäische Gerichtshof in Luxemburg am 25. Juli 2018 zur Genom-Editierung für Nutzpflanzen erlassen hat. Die Richter müssen sich daran herbe Kritik – wie: unlogisch, dafür populär, dem Zeitgeist gehorchend – aus einem breiten gesellschaftlichen Spektrum gefallen lassen, weil sie offensichtlich genverändert mittels fremder Gene – und damit der sehr aufwändigen Gentechnikverordnung unterworfen – mit der Mutation mittels der Gen-Schere gleichgesetzt haben (siehe faz.net).

Ähnlich einhellig war die heftige Reaktion auf die Ende 2018 bekanntgemachte Geburt von zwei genetisch veränderten Mädchen, einem Zwillingspärchen aus China, der zufolge eine Genom-Editierung am frühen menschlichen Embryo nicht durchgeführt werden sollte. „Die Mutationen wären irreversibel und würden vererbt werden. Die Risiken sind viel zu hoch. Es können, trotz aller Präzision, auch Fehler passieren und Gene getroffen werden, die man nicht zum Ziel hatte, sogenannte Off-targets. Dies kann zu unvorhersehbaren Folgen führen“, so in faz.net+ am 8.12.2018 (siehe faz.net).

Im Mai 2019 hat die Max-Planck-Gesellschaft eine ausführliche Stellungnahme zur Genom-Editierung als Positionspapier veröffentlicht und dabei auf deren großes Potenzial hingewiesen. Darin wird aber auch ganz klar die Veränderung der menschlichen Keimbahn – von der befruchteten Eizelle bis hin zum Embryo – auf Basis des gegenwärtigen Wissenstandes abgelehnt. Zudem wird gefordert, „… die europäische Gesetzgebung an den aktuellen Forschungsstand anzupassen und Pflanzen mit editiertem Erbgut nicht als gentechnisch verändert einzustufen, wenn diese den natürlichen Mutageneseprozess nachahmen“ (siehe Max-Planck-Gesellschaft).

Also, wie damit in Zukunft umgehen?

Wirkt der Geist des zwischenzeitlich pensionierten Ministers weiterhin fort: etwas wissen, aber in vermeintlich rücksichtsvoller Weise nichts sagen? Oder setzt sich doch auch bei der politischen Leitung in Bezug auf die möglichen Gefahren der Gen-Schere ein aufklärerischer Impetus durch? Letzteres bleibt zu hoffen! Eine gute staatliche Informationspolitik vorausgesetzt, bedeutet dies für uns Bürger, sich über die Verfahren zur Genom-Editierung zumindest in den Grundzügen auf dem Laufenden zu halten und sicherzustellen, auch in Notfalllagen informationsmäßig jederzeit und überall erreichbar zu sein.

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